3/25/2006

Alles ist käuflich in Albanien

Filed under: — Sarah_HrNje_18 @ 8:58 am

“Alles ist Markt in Albanien, alles ist käuflich”
Das Credo von Mutter Teresa hat im Land der Skipetaren kaum noch Bedeutung

Von Hannes Hofbauer, Tirana*

Knaben wollen in Albanien nicht Pilot oder Rennfahrer werden, sondern Zöllner – ein verheerendes Zeugnis für den Staat. Nur darum geht es, in einer Position zu sitzen, die es gestattet, für die eigene Tasche zu sorgen.

»Der Staat hält für die Menschen überhaupt nichts bereit«, erklärt Ledia Lazeri von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die junge Frau ist einer der ganz wenigen sozial engagierten Menschen, die ich in Tirana treffe. So allgegenwärtig in Schaufenstern und Geschäftslokalen einem das Konterfei der zur Zeit offensichtlich beliebtesten Albanerin, der katholischen Nonne Mutter Teresa begegnet, so abwesend scheint ihr Lebensantrieb, nämlich den Ärmsten der Armen helfen zu wollen, im gegenwärtigen Tirana.

Ledia Lazeri bildet eine rühmliche Ausnahme. Die Ärztin hat sich der Hilfe psychisch Kranker verschrieben. »Die Albaner leben in einer Gesellschaft, die für den kommenden Tag völlig unvorbereitet ist«, erklärt die WHO-Koordinatorin das häufige Auftreten stressbezogener Krankheiten. Der Staat hat sich von der Lösung solcher Aufgaben weitgehend abgemeldet.

Soziale Versicherungen gibt es nur auf dem Papier. Wenn jemand ärztliche Betreuung braucht und keinen fetten Bakschisch bereit hält, passiert es häufig, dass die Aufnahme ins Spital aus fadenscheinigen Gründen verzögert wird oder eine Behandlung nicht erfolgt. »Wir haben es mit einer spezifischen Form der Konspiration zwischen Gemeindeverwaltern und korrupten Spitalsangestellten zu tun, unter denen die Patienten zu leiden haben«, so Frau Lazeri.

Unbändiger Hass auf den Staat

Was im Gefolge des Zusammenbruchs 1989/1991 in anderen Ländern Osteuropas dazu geführt hat, dass mit der Diskreditierung des Kommunismus und Sozialismus die soziale Frage als Ganzes in Misskredit geraten ist, hat in Albanien noch radikaler Kreise gezogen. Der Staat als solcher hat ein schlechtes Ansehen. Mehr noch: Er ist für viele Albaner zur hassenswerten Einrichtung geworden. Dies hatte sich bereits bei der »Revolution« von 1991 bemerkbar gemacht, als Massen von Menschen staatliche Symbole und Einrichtungen angezündet und vernichtet haben. Dieser systematischen Zerstörungswut fielen auch Schulen, Kindergärten und Bäckereien – üblicherweise keine Symbole der Unterdrückung – zum Opfer……………

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/reg…nien/markt.html

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